Bericht vom Fachtag „Housing First“ am 02.10.2026 in der Pumpe
Initiiert vom Bündnis für bezahlbaren Wohnraum trafen sich Vertreter:innen von der Stadtmission, Hempels, Kieler Anker, Diakonie Altholstein, DRK und Caritas neben solchen der Parteien Linke, Grüne, SSW und CDU.
Referent:innen waren Corinna Münchow und Sebastian Böwe von Housing First Berlin.
Andreas Meyer vom Bündnis für bezahlbaren Wohnraum begrüßte die Teilnehmer:innen und beschrieb Thema und Ziel des Fachtages: 2.474 wohnungslose Menschen in Kiel, wer tut was dagegen, was ist in Zukunft zu tun?
Kathrin Kläschen von der Diakonie Altholstein gab einen historischen und politischen Rück- und Überblick. Das Konzept Housing First (HF) begann in den 1990er Jahren in New York und wurde zunächst belächelt. 2008 ging es in Europa los, Finnland hat es erfolgreich übernommen. 2017 begann die Hempelsstiftung in der Lauenburger Straße in Kiel, 2018 startete das Modellprojekt in Berlin, 2021 wurde der Internationale Aktionsplan als Erklärung in Lissabon verabschiedet, wonach bis 2030 Wohnungslosigkeit überwunden sein soll.
2023 fand eine Evaluation des Projekts Lauenburger Straße statt: es gibt dauerhafte Mietverträge, also keine Befristungen, Wohnen und Hilfeleistungen werden getrennt, Hilfe wird auf freiwilliger Basis geleistet. HF wird als ein Baustein, nicht als Lösung des Problems gesehen. Projekte gibt es bundesweit, es braucht mehr Wohnungen, HF soll nicht Modellprojekt bleiben, sondern Regelangebot werden.
Corinna Münchow von Housing First Berlin benannte als Zielgruppe Menschen, die aus der Regelhilfe rausgefallen sind, da diese für sie zu hochschwellig ist. Entscheidende Punkte sind: Wohnen ist Menschenrecht, Wahl- und Entscheidungsfreiheit, Trennung von Vermietung und Betreuung, Aktivierung von Selbstheilungskräften, Schadenreduzierung, aktive Beteiligung ohne Zwang, personenzentrierte Hilfeplanung, flexible Unterstützung so lang wie nötig.
Dass das funktioniert, zeigt sich in Berlin, HF gibt es dort seit 2018 mit inzwischen 6 Projekten.
Zur Vernetzung haben die Berliner:innen den Bundesverband Housing First e.V. gegründet.
Sebastian Böwe ist Wohnungsbeschaffer bei Housing First Berlin. Es gibt dort 7 Landeswohnungsbaugesellschaften, HF arbeitet mit Hausverwaltungen, Vermieter:innen, Gesellschaften und Genossenschaften zusammen. Sie machen viel Öffentlichkeitsarbeit.
Sie haben einen Extrafonds für Schäden und Mietausfälle etabliert, die Hausverwaltungen können sich bei Problemen mit den Mieter:innen an HF wenden, sie kümmern sich bei Tod oder Weggehen.
Aktuell haben sie 101 Personen aufgenommen, diese müssen absprachefähig sein. Es gibt 92 Mietverträge. Die Wohnstabilität liegt bei 97,3 %.
Grenzen setzt das Finanzloch, Übergang in die Regelfinanzierung fehlt, sie können das Personal deshalb nicht aufstocken. Nicht fehlende Wohnungen sind das Problem, sondern die zu kleine Betreuungskapazität steht einer Ausdehnung im Weg.
Catharina Paulsen von Hempels stellt das Kieler Projekt vor. Seit 2018 gab es 12 Wohnungen, nun sind 9 neue dazu gekommen. Anfangs musste viel renoviert werden, es gab hohe Fluktuation, es dauerte, bis tragfähige Strukturen aufgebaut werden konnten. Sie mussten mit Schäden in den Wohnungen, Mietausfällen, Leerstand und Nachlassverwaltungen klarkommen.
5 Bausteine prägen das Projekt: Verwaltung, begleitende Hilfe, ergänzende Betreuungsleistungen, hausmeisterliche Präsenz, Einbindung der Bewohner.
Ein Problem ist die Belastung durch hohe Kosten, von denen die LHK nur einen Teil trägt. Dabei ist HF für die Kommunen deutlich billiger als die Unterbringung in Hotels u.ä.: HF kostet 460 €/Monat, die ordnungsrechtliche Unterbringung 1.336 €/Monat (jeweils Zahlen von 2019). Die Miethöhen sind festgeschrieben, damit können sie keine Rücklagen bilden.
Fazit: HF ist notwendig und machbar.
Nach der Pause äußerte sich der Sozialdezernent der LHK Gerwin Stöcken:
Geht man von 2.474 wohnungslosen Menschen in Kiel aus und nimmt die Geflüchteten raus, bleiben 1.500 wohnungslose Menschen. Ursache sind oft Mietschulden, es gibt ca. 300 Räumungsklagen pro Jahr in Kiel. Schwierig ist, für solche Menschen neue Wohnungen zu finden, auch Schufa-Auskünfte hindern das. Nach § 174 LvwG ist die LHK verpflichtet, Menschen unterzubringen, das ist teuer. Es gibt in Kiel 400 Wohnungen für Familien.
Problemgruppen sind Frauen aus den Frauenhäusern, Haftentlassene, Zugezogene aus dem Umland, Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen, Psychiatrieentlassene.
Die KiWoG ist noch sehr klein, bietet 10 % ihrer Wohnungen für wohnungslose Menschen an, was aber auch Probleme macht wegen Schäden in den Wohnungen.
Sorgen machen ihm die 40 – 60 Menschen in Kiel, die auf der Straße leben.
Es braucht mehr Wohnungen, aber: manche haben 3 Wohnungen, es gibt zuviel Ein-Personen-Haushalte, Leerstand ist keine Lösung bei Wohnunglosigkeit. Bei der Wohnungsbaukonferenz hat die LHK die Vermieter:innen darum gebeten, mehr Wohnungen zur Verfügung zu stellen.
Sein Resumee: HF macht Sinn, ist aber nicht die Lösung.
Die anwesenden Parteivertreter:innen sprachen sich alle für HF aus, konkrete Ideen zu deren Realisierung müssen noch entwickelt werden.
Die Stadtmission möchte ab 2027 die Notfallunterbrinung gerne an die LHK abgeben und mehr längerfristig tätig sein. Herr Stöcken bot an, den Sozialausschuss zu informieren, mehr Prävention in die Wege zu bringen, schlug vor, bei Hempels anzuküpfen und den Bundesverband HF e.V. in Anspruch zu nehmen.
Vorschläge/Stichpunkte von Kathrin Kläschen: Es gibt die Bereitschaft weiterzumachen; es braucht größere Strukturen, die Träger sollen nicht Zwischenmieter sein; Antragstellung muss verkürzt werden; Risiken müssen durch Fonds abgesichert werden; Betreuungs- und Bindungsarbeit muss intensiviert werden; Prävention ist nötig: vor Verlust einer Wohnung; Nachsorge ist erforderlich.
Weitere Stichworte:
– Verschiedene Projekte sollten sich vereinigen.
– In Kiel sollte ein HF-Projekt gegründet werden über Hempels
hinaus.
– Die Kommunalpolitik sollte starken Rückhalt geben.
– Das Land SH zeigt bisher kein Interesse.
– Finanzierung von Berater:innen, die in ordnungsrechtlichen
Maßnahmen tätig sind.
– Shelter sind zu eng begrenzt, nachts zu.
– Medizinische Zugänge sind schwierig.
– Vermieter:innen müssen einbezogen werden
– Finanzielle Risiken müssen abgesichert werden.
– Es muss Hilfen geben für Menschen, die durchrutschen.
Fazit:
HF ist Konsens und eine realistische Perspektive. Bereitschaft dazu ist da. Beschaffung von Wohnungen ist möglich. HF ist kostengünsstiger als Unterbringung. Eine AG Housing First/Wohnungslosenhilfe für Kiel sollte gegründet werden. HF soll zur Regelversorgung werden.
Es soll ein weiteres Treffen in diesem Rahmen stattfinden. Das nächste ist geplant für den 19. Januar 2027, 16 Uhr. Die Organisationen sollen hierzu TOPs vorschlagen.
Danach sollen Treffen stattfinden mit der Politik (Parteien/Fraktionen) und mit Wohnungsbaugesellschaften (KiWoG, Genossenschaften, Vonovia pp.)
Protokoll:
Charlotte Spieler
