Bericht von der Veranstaltung „Meine Stadt … und immer weniger bezahlbarer Wohnraum“

Bericht von der Veranstaltung „Meine Stadt … und immer weniger bezahlbarer Wohnraum“ am 08.07.2021 um 18 Uhr in der Räucherei in Kiel-Gaarden

Das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum hatte zu einer Veranstaltung geladen zum Thema „Die Tricks von Vonovia & Co. bei Modernisierungen und Nebenkostenabrechnungen“. Einen Vortrag dazu hielt Daniel Zimmermann, der wissenschaftlicher Mitarbeiter beim deutschen Mieterbund (DMB) Nordrhein-Westfalen ist.

Daniel Zimmermann beschäftigt sich seit Jahren mit den großen Wohnungsgesellschaften wie Vonovia, Deutsche Wohnen, LEG und andere.

Er begann seinen Vortrag, der mit Powerpoint-Präsentationen unterstützt wurde, damit, die Historie der Vonovia darzustellen, die sich aus der TerraFirma und Annington entwickelt hat. 2013 fand der Börsengang statt, 2015 gelang Vonovia der Sprung in den DAX, der die 30 größten Aktiengesellschaften listet.

Aufgekauft wurde im Laufe der Jahre viele Wohnungen aus dem einst öffentlich geförderten Bereich, auch Werkswohnungen und gemeinnützige Wohnungsgesellschaften gehörten in das Beuteschema.
Vonovia hat 2,3 Milliarden Mieteinnahmen im Jahr, es werden 956 Millionen Dividende ausgeschüttet. Im Ergebnis gehen von jedem Euro Miete, den jemand zahlt, 38 Cent an die Aktionäre.

Das Geschäftsmodell ist damit vorgegeben. Zwar gibt sich Vonovia nach außen hin ein soziales und verantwortungsbewusstes mieterfreundliches Gesicht, tatsächlich interessiert in erster Linie der Gewinn und die Höhe der auszuschüttenden Dividende.

Erzielt wird dieses Ergebnis zum einen damit, dass immer mehr Wohnungen dazugekauft werden (Wachstum!), und da der Markt in Deutschland ziemlich abgegrast ist, dehnt man das Geschäft auf Österreich, Schweden, Frankreich, Niederlande aus. Der neueste Plan ist der Kauf bzw. die Übernahme der Deutsche Wohnen für 18 Milliarden Euro, wobei noch nicht einmal Grunderwerbssteuer gezahlt werden muss. Danach wird Vonovia mehr als eine halbe Million Wohnungen haben und einer der weltweit vier größten Konzerne sein.

Die zweite Schiene des Geldscheffelns sind Modernisierungen von ganzen Häuserblocks, aber auch von einzelnen Wohnungen, die hinterher teurer vermietet werden. Gerne werden in die auf die Mieter*innen umgelegten Modernisierungskosten auch Instandhaltungsarbeiten, die eigentlich der Vermieter zu zahlen hat, unter die Rechnungen gemogelt.

Und die dritte große Geldquelle sind die ca. 500 Tochterunternehmen, die die Vonovia betreibt und über die sie
an den Nebenkosten (Hausmeisterdienste, Gartenarbeiten, Reparaturen, Energiebewirtschaftung und vieles mehr) gut verdient. Die Abrechnungen sind undurchsichtig, nicht nachvollziehbar, Belege werden nicht oder unzureichend vorgelegt und einzelne Mieter*innen müssen viel Geduld haben und angstfrei sein, wenn sie sich dagegen erfolgreich wehren wollen. Dazu kommt, dass die Vonovia von den Mieter*innen Umsatzsteuer kassiert, die gar nicht anfällt.

Dazu kommen dann die ganz normalen Mieterhöhungen (marktbedingte Anpassungen nennt sich das), die aber inzwischen keinen so großen Betrag mehr ausmachen, weil da schon vieles ausgereizt ist. So hat die Vonovia den neuen Mietspiegel in Kiel sofort dazu genutzt, die Mieten bis an den Rand dessen, was geht, zu erhöhen.

Davon, dass „Kostenoptimierung“ bei Vonovia auch darüber geschieht, dass die Beschäftigten nahezu komplett tariffrei gehalten werden, war nur am Rande die Rede.

Peter Schmuhl vom Mieternetzwerk Kiel ergänzte mit Angaben zur Kieler Situation, wo identische Erfahrungen zu machen sind wie bundesweit in anderen Städten, in denen Vonovia den Wohnungsmarkt bestimmt. So sind die Verträge, die Vonovia mit eigenen Firmen schließt und aus denen sich die Nebenkosten ergeben sollten, nicht einsehbar oder nicht nachvollziehbar, es werden Kosten, die nicht den Mieter*innen in Rechnung gestellt werden dürfen, auf die Nebenkosten umgelegt. Die Mieter*innenversammlungen, die vor Corona unter guter Beteilugung stattgefunden haben, sind seit 1 ½ Jahren nicht mehr durchführbar. Sobald dies wieder möglich ist, sollen sie wiederbelebt werden. Auch die Mieter*innenberatung in der Hansastraße 48 und (noch) im Li(eb)er Anders finden wieder statt, außerdem ist das Mieternetzwerk über e-mail erreichbar.

Es wurden dann von den Zuhörer*innen Fragen gestellt und diskutiert zu Stichworten wie Kartellamt, was die Übernahme der Deutsche Wohnen durch Vonovia betrifft; Ende der 80er Jahre abgeschaffte Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau; Vorwand Klimaschutz zu teuren Modernisierungen; Musterfeststellungsklagen; kritische Aktionäre von Vonovia.

Schließlich wurde festgestellt, dass es ein zäher Kampf ist gegen solche Unternehmen, dass man diesen aber führen muss, indem sich Mieter*innen zusammenschließen und sich gemeinsam gegen die Praktiken wehren, wobei Öffentlichkeitsarbeit wichtig ist.

Man hätte sich mehr Teilnehmende gewünscht. Deshalb ist es gut, dass die Veranstaltung live gestreamt und vom Offenen Kanal Kiel aufgezeichnet wurde. Der Sendetermin wird rechtzeitig bekannt gegeben.

Die Verbraucherzentrale hatte während der Veranstaltung einen Informationsstand aufgebaut, um zu informieren über ihre Tätigkeit allgemein sowie über die kostenlose Mieterberatung in Gaarden (Räucherei) und Dietrichsdorf.

Charlotte Spieler

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