MFG5 Bleibt Zivil

Redebeitrag Podium MFG5 30.05.26

Einleitung
Vielleicht ist einigen von Euch gar nicht direkt klar, warum ich heute hier stehe. Das MFG5-Gelände steht für vieles, die Wasseranbindung, die Militärvergangenheit, auch die Naturvielfalt ist recht offensichtlich. Der Bezug des Wohnens jedoch ist vor allem eins: Zukunft. Beziehungsweise sollte ich in Anbetracht der aktuellen Situation eher von einer potenziellen, unwahrscheinlichen Zukunftsversion sprechen.

Geplanter Wohnraum MFG5
Die Entwicklung des ehemaligen MFG-5-Areals und angrenzender Flächen ist eines der zentralen Stadt­entwicklungs­vorhaben der Landes­hauptstadt Schleswig-Holsteins. Der Planungsprozess begann im Jahr 2010. Betont wurde hierbei, dass explizit Bürger*innen in der Gestaltung miteinbezogen werden sollten. 2018 wurde ein Entwicklungskonzept finalisiert, die Stadt Kiel kaufte das Gelände für 30 Millionen Euro, weitere 8,5 Millionen Euro sind in die Planung geflossen. Entstehen sollen, oder laut Stadt aktuell besser sollten, 2250 Sozialwohnungen, Platz für 5000 Menschen. Diese Wohnungen werden mehr als gebraucht. In Kiel haben 2700 Personen überhaupt keine Wohnung, 40% der Kieler Haushalte hätte eigentlich Anrecht auf einen Wohnungsberechtigtenschein, sprich Sozialwohnraum. Bereits mit 6000 Sozialwohnungen derzeit gibt es nicht annähernd genug für alle Berechtigten. Zusätzlich fallen stetig mehr aus der Förderung, bis 2030 mehr als 1/3, Neuförderungen und Neubauten kommen nicht hinterher. Wenn die Bundeswehr das Areal kauft, wird dieser langjährige, kostspielige Plan, der als Prestige-Projekt galt, zunichte gemacht.

Aktueller Wohnraum MFG5
Zu Beginn meines Beitrags habe ich erwähnt, dass Wohnraum erst in der Zukunft auf dem MFG5-Gelände entstehen soll. Im größeren Maße ist dies auch richtig, trotzdem möchte ich die Gelegenheit nutzen und auch den Menschen Raum schaffen, die bereits jetzt auf diesem Gelände ihr Zuhause haben.
Zum einen wäre da die Gemeinschaftsunterkunft Schusterkrug. Dort leben 900 geflüchtete Menschen, vor allem Personen aus der Ukraine, Afghanistan und Syrien. Die Geflüchteten sollen dort wohnen, bis sie eine eigene Wohnung erhalten, dies kann laut AWO 1-2 Jahre dauern, manchmal auch länger. Außerdem gibt es ein Betreuungs- und Beratungsangebot sowie einen Kindertreff für Kinder ohne Kitaplatz. Auch wenn die Situation auf dem MFG5-Gelände nicht optimal ist (vor Krieg, Terror und Gewalt Geflohene auf einem ehemaligen Militärgelände unterzubringen, wo sogar derzeit noch Schießübungen durchgeführt werden, ist irgendwie ein komischer Gedanke), also auch wenn diese Situation nicht optimal ist, leben dort derzeit 900 Menschen. Was passiert mit Ihnen, wenn die Bundeswehr Ende des Jahres das Gelände dicht macht? Werden Sie über Nacht umgesiedelt und aus ihrem Alltag gerissen? Kann gewährleistet werden, dass Familien zusammenbleiben können? Antworten darauf gibt es nicht wirklich, dafür aber eine recht unübersichtliche und mäßig-realistische Lösung der Stadt: Wohnungsbau der Kieler Wohnungsgesellschaft, neue Gemeinschaftsunterkünfte und Unterbringung auf dem normalen Wohnungsmarkt durch das Projekt „Zukunft Wohnen“ des Deutschen Roten Kreuz. Da schießt uns doch direkt ein Problem in den Kopf: Jede und jeder, die/der in den letzten Jahren neuen Wohnraum finden musste, weiß, was für ein Wahnsinn der Wohnungsmarkt ist. Egal ob Neu- oder Altbau. Es gibt zu wenig von allem, für alle und vor allem für Menschen, die wenig Geld haben. Aber es gibt noch einen zweiten Haken. Auch die Unterkunft in der Arkonastraße, (übrigens eine alte Marineschule, wo wir schon bei semi-sensiblem Kontext sind) soll schnellstmöglich aufgelöst werden, da dort 160 Wohnungen entstehen. Von denen sollen jedoch nur 30-50% gefördert werden, sprich bezahlbare Mietpreise haben. Die Geflüchteten sollen auf kleinere Unterkünfte aufgeteilt werden. Bei dieser ganzen Umsiedlung haben die Menschen aus der Arkonastraße laut Sozialdezernent Gerwin Stöcken Vorrang gegenüber der Schusterkrug-Bewohner*innen. Also grandiose Aussichten.
Aber nicht nur die Geflüchteten-Unterkunft bietet derzeit hier Wohnraum. Auch der Wagenplatz Schlagloch hat auf dem MFG5-Gelände ihr neues Zuhause gefunden. Es handelt sich um eine kleine Ansammlung von Wohnwagen und umgebauten LKWs, ein Zelt, eine gemeinsame Küche im Freien. Sie sind eine die solidarische Gemeinschaft und schaffen einen nicht kommerziellen Ort für Kultur und Begegnung. Sie setzen sich mit ihrem Projekt für kostengünstigen, nachhaltig ressourcenschonenden Wohnraum ein und sind ein funktionierendes Beispiel für alternative Wohnformen. Juli 2024 zog die Wagengruppe Schlagloch vom Gründungsort Meimersdorfer Moor hierher. Mit der Stadt wurde ein offizieller Pachtvertrag abgeschlossen. Durch den geplanten Verkauf wurde dieser zum 31.05.26 gekündigt, damit rutschen die Bewohner*innen in die Illegalität und das Projekt ist wieder einmal gefährdet.

talkrunde mfg5

Lebensraum MFG5
Wobei ich vom Bündnis für bezahlbaren Wohnraum komme, möchte ich nicht nur über derzeitig und zukünftig Wohnraum sprechen, sondern auch über Lebensraum. Dieser ist vor allem für Menschen, die klein großes Haus mit großem Garten haben, besonders wichtig. Die öffentliche Nutzung der Flächen schafft eine Vielzahl an Freizeitmöglichkeiten: Der Skatepark, der Jugendtreff und natürlich Wege direkt am Wasser, zum Radeln und Spazieren. Das MFG5-Gelände verbindet die Gastronomien am Thiessenkai mit Friedrichort und dem folgenden Westufer mit ausladender Natur und Stränden. Besonders treffend finde ich die Beschreibung der Stadt Kiel des Geländes auf ihrer Website: Es ist ein Sahnestück der Stadtentwicklung: direkt an der Förde, mit Blick auf die Ostsee, 92 Hektar groß, davon 14 Hektar Wasserfläche und 26 Hektar Wald – mit einem beachtlichen Baumbestand und mit bemerkenswerten denkmalgeschützten Gebäuden. Klingt ein bisschen besser als: abgezäunter Militärbereich mit voraussichtlich kleinstmöglichen Wasserzugang für die Öffentlichkeit. Ursprünglich sollte die Lebensqualität in Kiel durch das MFG5 nicht ab- sondern aufgewertet werden. In Planung war die Schaffung eines neuen Super-Stadtteils: Holtenau-Ost. Nun fällt nicht nur dieser Weg, neuste Verhandlungen gehen über die Grenzen des Nord-Ostsee-Kanals hinaus. Betroffen sind die Aussichtsplattform Wiker Balkon und der Schleusenpark. Beides Freizeitareale, die für Kieler*innen Lebensraum bieten. Auch der Zugang zum Kanal an der Nordmole und das Maschinen-Museum wäre betroffen.

Ausgleich
Von Seiten der Stadt klingt der Deal mit der Bundeswehr wie ein Gewinn für Kiel. Das Militär kommt wieder, wir kriegen mehr Geld in den Haushalt und alle Wohnungen können gebaut werden! Warum Punkt 1 kritisch zu sehen ist, wird denke ich von allen anderen Parteien thematisiert. Im Puncto Geld kämpft die Stadt derzeit allerdings um darum, überhaupt die aufgebrachten Kosten von 38,5 Millionen Euro wiederzubekommen. Von den gelobten Entschädigungszahlungen lässt sich voraussichtlich nur träumen. Gut möglich also, dass der Verkauf also am Ende doch ein Minusgeschäft wird.

Abgesehen von dem finanziellen Aspekt gibt es noch einen Begriff, der in der Debatte um den Verkauf immer wieder aufkommt: Ausgleichsflächen! Die Bundeswehr möchte der Stadt also alternative Grundstücke geben, um die ursprünglichen MFG5-Pläne dort zu verwirklichen. Der erste Hacken: Für die bestehenden Strukturen auf dem Areal, gibt es keine festen Perspektiven. Wie bereits erwähnt, zählen dazu die Gemeinschaftsunterkunft, der Wagenplatz, der Jugendtreff, die Skateanlage. Aber auch industriell wird das MFG5 genutzt. Weichen müssen daher auch die Schwentinenflotte, die Firma Unterwasserkrause, der Plüschowhafen, die Kieler Meeresfarm. Dafür, dass es bei der Bundeswehr sehr viel um Standort-Kriterien geht, werden diese bei zivilen Institutionen einfach vergessen. Doch auch für die Bevölkerung hat das MFG5 Unique Selling Points, die an anderen Orten nicht so leicht zu finden sind. Der zweite Hacken an der Ausgleichs-Geschichte: Die meisten Ausgleichsflächen könnten der Stadt sowieso zu Verfügung stehen. Die Flächen „Flugplatz Süd“ und „Ackerland Meimersdorf“ gehören überhaupt nicht der Bundeswehr. Hier wären unabhängig vom Verkauf 700 Wohnungen möglich. Die Fläche des Tonnenhofs, wo ebenfalls 700 Wohnungen entstehen sollen, gehört der Stadt sogar schon. Letztendlich sind nur 875 Wohnung auf Bundeswehrgelände. Im Falle des Max-Rubner-Instituts gab es aber für die 150 Wohneinheiten Pläne mit der Stadt unabhängig vom Verkauf. Richtiger Ausgleich sind unterm Strich also 725 Wohnungen. Was für mich da vor Allem hängen bleibt, ist dass ohne den Verkauf nicht wie geplant 2250 sondern 3100 Wohnungen in Kiel geschaffen werden könnten.

Bürger*innen-Beteildigung
Nicht nur bei diesen halbgaren Rechnungen und wagen Versprechen kommt das Gefühl auf, dass wir Kieler*innen über den Tisch gezogen werden. Trotz der Gründung des Standortdialogs und der Einbeziehung der Ortsbeiräte, ist der Verkauf des MFG5 ein Thema, dass an vielen Kieler*innen vorbeigeht. Zum einen, weil das Interesse und kritisches Hinterfragen fehlen, aber auch weil es schwer ist, sich zu informieren. Auf der Stadt-Website findet mensch eher Informationen zu vergangenen Plänen, Kieler Nachrichten und NDR berichten auch eher kurz. Der Grund: viele Infos liegen der Öffentlichkeit nicht vor. Das beginnt bei den Verhandlungen, die der ehemalige Oberbürgermeister Ulf Kämpfer unbedingt allein führen wollte (was ich persönlich so überhaupt nicht verdächtig finde). Immer wieder kommen neue Informationen auf den Tisch, der Ausbau in der Wik wurde beispielsweise erst im April 2026 öffentlich. Nachvollziehbar ist der Prozess nicht und anscheinend wurde nicht nur der Plan des Stadtteils, sondern auch die Bürger*innen-Beteiligung komplett verworfen.

Perspektiven
Insgesamt ist die Lage frustrierend. Ein undurchsichtiger Prozess fundiert auf Kriegsangst, den wir Kieler*innen auf unseren Schultern tragen und wofür wir einstecken sollen. Ich bin enttäuscht von der Dreistigkeit der Bundeswehr und der Blindheit der Stadt Kiel. Aber ich möchte meinen Ausblick mit etwas positivem beenden. Heute sind wir alle hier. Es gibt einige mutige Menschen, z.B. aus dem Aktionsbündnis MFG5, unter Ihnen besonders die Baumbesetzer*innen, die für dieses Gelände kämpfen. Denn wie wir bereits jetzt sehen mussten, reicht es der Bundeswehr nicht. Erst Holtenau-Ost, nun auch die Wik, wer sagt, dass da halt ist. Kiel ist eine Stadt zum Wohnen und zum Leben, und zwar unabhängig vom Einkommen für alle. Wir wollen keine Duldung auf einem riesigen Stützpunkt, wir wollen ein Zuhause. Auch wenn die Pläne konkreter werden und die Verhandlungen weiterlaufen, ist noch nichts final beschlossen. Es gibt noch Platz für Widerstand, für die Stimme von uns Kieler*innen, für eine zivile Zukunft des MFG5, der Wik und dem Rest von Kiel.

mfg5 gruppe