Housing First – mehr als eine Fachveranstaltung

Das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum hat am 2.10. gemeinsam mit Organisationen der Wohnungslosenhilfe Vertreter*innen von BÜNDNIS 90/die GRÜNEN, SPD, CDU, die PARTEI/die LINKE, SSW sowie Bürgermeister Stöcken zu einer Fachveranstaltung zu dem Thema “Housing First“ eingeladen.
Neben Informationen zu Housing First war es das Ziel der Veranstaltung, dieses Konzept für Kiel weiterzuentwickeln. Dazu sollte auch ein Blick auf konkrete Projekte in Berlin und Kiel helfen.

Das Konzept Housing First

Nach diesem Ansatz wird wohnungslosen Menschen bedingungslos ein Wohnung als Mieter*in zur Verfügung gestellt. Denn eine Wohnung ist nicht nur eine existenzielle Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben, sondern auch eine Basis, um das Leben in einer Krise wieder in den Griff zu bekommen. Dabei können juristische, sozialpädagogische und medizinische Hilfen in Anspruch genommen werden. Sie sind aber keine Bedingungen, um die Wohnung zu bekommen bzw. zu behalten.
Diese Methode unterscheidet sich somit deutlich von den bisher üblichen Stufenmodellen, nach denen wohnungslose Menschen durch diverse Trainings ihre “Wohnungsfähigkeit“ unter Beweis stellen müssen.

Housing First wurde Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts von dem Psychiater
Dr. Sam Tsamberis in den USA für psychisch erkrankte wohnungslose Menschen entwickelt und danach in vielen europäischen Ländern als Projekte übernommen.

In Finnland wurde Housing First als zentrale Strategie zu Beseitigung von Wohnungslosigkeit landesweit implementiert. In den zehn größten Städten des Landes waren 2008 2931 Menschen wohnungslos. Die Zahl reduzierte sich durch Housing First in 5 Jahren um 25 Prozent.
Auch die Dauer, in der Menschen in ihren Wohnungen blieben (sog. Wohnstabilität) war sehr hoch.
Darüber hinaus kamen finnische Fallstudien zu dem Ergebnis, dass sich nach diesem Konzept die Gesamtkosten für die Unterbringung und Betreuung von wohnungslosen Menschen um 15 000 € pro Jahr verringern.

In Deutschland gibt es in verschiedenen Städten rund 50 Housing -First Projekte
Vertreten werden viele von ihnen in dem Bundesverband Housing First e.V.
Anders als in Finnland handelt es sich dabei um Einzelprojekte, die weit von einer Regelversorgung entfernt sind.

Housing First Berlin
In Berlin gibt seit 2018 sechs Housing First Projekte für 101 Mieter*innen mit 92 Mietverträgen.
Von den 92 Wohnungen werden 70 von landeseigenen Wohnungsgesellschaften gestellt.
Die Referenten von Housing First Berlin, Corina Münchow und Sebastian Böwe, zogen insgesamt eine positive Bilanz. Die dauerhafte Wohnstabilität lag bei den Mieter*innen mit 97 Prozent sehr hoch. Fast alle Mieter*innen nehmen begleitende Hilfen in Anspruch.
Da die Wohnungsbeschaffung eine zentrale Rolle spielt, sind intensive Kontakte zu kommunalen und privaten Wohnungsgesellschaften, Wohnungsgenossenschaften sowie zu privaten Vermietern sehr wichtig. Dabei ist es sehr hilfreich, Vermieter über einen Risikofonds vor Wohnungsschäden und Mietausfällen abzusichern. Housing First Berlin konnte einen solchen Fonds über private Spenden einrichten. Begleitet wird das Projekt von einer umfangreichen Öffentlichkeitsarbeit.
Für den weiteren Ausbau ist aus Sicht der Referenten nicht die Wohnungsbeschaffung das Hauptproblem, sondern mangelndes Personal für die begleitenden Hilfen und deren Finanzierung.
Leider ist es noch nicht gelungen, das Projekt in eine Regelfinanzierung zu überführen.

Housing Kiel
2018 begann Hempels e.V. mit 12 Wohnungen in der Lauenburger Straße ein Housing-First Projekt in Kiel. In diesem Jahr sind durch einen Neubau 9 Wohnungen hinzugekommen.

Corina Paulsen von Hempels e.V. beschrieb besonders die Anfangsphase durch eine hohe Fluktuation und hohe Wohnungsschäden als turbulent. Es dauerte einige Zeit, tragfähige Strukturen aufzubauen.
Dazu gehören inzwischen die 5 Bausteine: Verwaltung, begleitende Hilfen, ergänzende Betreuungsleistungen, hausmeisterliche Präsens, Einbindung der Bewohner*innen.
Die dafür anfallenden Kosten werden allerdings nur unzureichend von der LHK übernommen.
Die Tatsache, dass die Kosten pro Person im Monat bei Hempels mit 460,-€ gegenüber den durchschnittlichen Unterbringungs- und Betreuungskosten der Stadt Kiel mit 1336,-€ deutlich niedriger ausfallen, zeigt, dass Housing First nicht nur die humanere, sondern auch die kostengünstigere Unterbringungsform ist.

Fazit
In der Diskussion über das Konzept von Housing First zeigte sich eine große Übereinstimmung zwischen den Organisationen der Wohnungslosenhilfe und den Vertreter*innen der Parteien.

Bündnis 90/die GRÜNEN haben gemeinsam mit der SPD Housing First in ihrer Kooperationsvereinbarung als “Leitziel“ der Wohnungslosenhilfe aufgenommen.
Auch CDU, SSW und die PARTEI/die LINKE befürworten dieses Konzept.
Herr Stöcken zeigte sich als Vertreter der Verwaltung grundsätzlich offen dafür.
Für alle war Housing-First richtungsweisend, wenngleich es von einer Regelversorgung noch weit entfernt ist.

Vor dem Hintergrund von 2710 wohnungslosen Menschen in Kiel, die in Gemeinschaftsunterkünften, Hotels, Containern, auf Sofas von Bekannten und Verwandten, oder aber auf der Straße leben, ist der Ausbau von Housing First eine große Herausforderung.
Um sich dem zu stellen, wurde von den Anwesenden eine ständige Arbeitsgruppe aus Politik, Organisationen der Wohnungslosenhilfe und Verwaltung beschlossen.
Die Aufgabe die Arbeitsgruppe wird darin bestehen, Perspektiven zu entwickeln, wie Housing First in Kiel weiter ausgebaut werden kann.

Andreas Meyer